Berufspraktische Ausbildung im Wandel

Soeben haben vier Studentinnen der PH Solothurn in meiner 6. Klasse eine erfolgreiche Projektwoche organisiert und durchgeführt. Die angehenden Lehrerinnen haben im letzten Praktikum ihrer Ausbildung unter anderem an Eltern- und Schulhausanlässen mitgewirkt oder an Elterngesprächen und Teamsitzungen teilgenommen. In meiner seminaristischen Zeit habe ich nichts dergleichen bereits in der Ausbildung kennen gelernt. Ich attestiere dem auslaufenden „Solothurner Modell“ einen hohen Praxisbezug und bin überzeugt, dass diese Studierenden für den Schulalltag bereit sind.

Den Stimmen aus dem rechtsbürgerlichen Lager, welche dem „Lehrermangel“ mit einer Wiedereinführung des ehemaligen Seminars begegnen wollen, muss ich eine Abfuhr erteilen. Die Ausbildung an der PH beinhaltet z.B. wesentlich mehr Praxisanteile als im „Alten Semi“. Auch in die Persönlichkeitsentwicklung, ein wesentliches Element für ein erfolgreiches Bestehen in unserem Beruf, wird einiges mehr investiert. Damit aber die neu ausgebildeten Lehrpersonen dem Beruf über mehrere Jahre die Stange halten, sind obligatorische Angebote und Ressourcen in der Begleitung der Berufsneulinge nötig, aber es sind auch die allgemeinen Arbeitsbedingungen (Klassengrössen, Klassenlehrerstunden, Pflichtlektionen) zu verbessern.

Seit 2009 haben die Standorte Liestal, Solothurn und Zofingen die Ausbildung zur Primarlehrperson harmonisiert. Diese Vereinheitlichung innerhalb der FHNW ist zu begrüssen. Eigentliche „Spezialitäten“ der Standorte wurden im Zusammenschluss bewusst integriert, modifiziert und weiter entwickelt: das Auslandpraktikum (Liestal), das „Atelier“ (Solothurn), das Praktikum in der eigenen Klasse (Zofingen). Nun ist aber von den Solothurner Praxislehrpersonen Kritik zu vernehmen: Die Praxisentschädigung wurde massiv reduziert, der Praxisauftrag und die Verantwortung teilweise erhöht, die Ausbildung der Praxislehrpersonen von einem anspruchsvollen und aufwändigen CAS- Zertifikatskurs auf zehn Tage reduziert.

Dass eine Harmonisierung von Ausbildungsmodellen Veränderungen für alle Beteiligten mit sich bringt, ist nachvollziehbar und unausweichlich. Ich finde aber, dass die Praxis als wichtigster Teil der Ausbildung nicht geschwächt werden darf. Das heisst, dass die Praxislehrpersonen bezüglich ihres Auftrages angemessen und ihrer Ausbildung entsprechend entlöhnt werden müssen und nicht auf deren Kosten die Forschung und die Forschenden an der FHNW ins Zentrum gerückt werden. Kann es sein, dass Lehrpersonen Ausbildungsgänge (CAS) schmackhaft gemacht wurden und dann nach dem Abschluss festgestellt werden muss, dass die Befähigung auch in einer „Schnellbleiche“ erreichbar ist? Wo bleibt da die Weitsicht? Welche Anreize bestehen so, wenn Lehrpersonen eine vertiefte Weiterbildung in Angriff nehmen wollen oder sollen?

Für Praxislehrpersonen ist es wichtig, dass die Studierenden mit einem guten, theoretischen Rucksack in die Praxis kommen. Wie viel Selbststudium ist dafür verantwortbar? Dass die in der Praxis gemachten Erfahrungen an der PH und am Praxisort reflektiert werden, ist für das Erlernen unseres Berufes zentral. Dafür müssen die Studierenden auch an der PH mit praxiserprobten Dozierenden in Kontakt kommen.

Ich erkenne einige positive Schwerpunkte wie die genannten „Spezialitäten“, das Mentorat oder die Anzahl Praxistage im „harmonisierten“ Modell. Matchentscheidend werden aber das Zusammenspiel und die Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis sowie die Förderung der Persönlichkeit bleiben. Darum sind einerseits praxisnahe Fachdidaktiker andererseits engagierte und motivierte Praxislehrpersonen gefragt.

In einem Jahr werden die ersten Studierenden aus dem „harmonisierten“ Modell ins Berufsleben einsteigen. Die Praxis wird zeigen, wie sich dieses Modell bewährt und ich erwarte von den Verantwortlichen, dass nötige Korrekturen so schnell wie möglich angegangen werden.

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