Der ungebrochene Glaube an die Messbarkeit

Ab dem Schuljahr 2016/2017 sollen im Bildungsraum Nordwestschweiz (SO, BL, BS, AG) flächendeckend einheitliche Checks die Leistungen der Schülerinnen und Schüler im 3., 6., 8. und 9. Schuljahr in den Fächern Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen und Naturwissenschaften messen.

Diese Checks sollen eine Standortbestimmung der Schülerinnen und Schüler zu ausgewählten Kompetenzen ermöglichen. Im Rahmen eines pädagogischen Konzepts werden die Checks durch eine Aufgabensammlung ergänzt, welche den Lehrpersonen während des ganzen Jahres zur Verfügung steht. Das Projekt sieht vor, dass die Leistungsmessungen in erster Linie zur individuellen Förderung und als Orientierungshilfe im Hinblick auf einen Übertrittsentscheid sowie zur Unterrichts- und Schulentwicklung (interne Evaluation) verwendet werden. Auf der Sekundarstufe I sollen die Tests einerseits die Checks privater Anbieter ersetzen, andererseits die Zertifizierung des Schulabschlusses ergänzen. Mittels einer anonymisierten Auswertung (externe Evaluation) will der Kanton so die Wirksamkeit seines Bildungssystems ermitteln. Laut Bildungsverantwortlichen sollen die Checks im Rahmen der datenschutzrechtlichen Bestimmungen eingesetzt werden und nicht als Ranking- und Leistungslohninstrumente dienen. Weitere Informationen zu den Checks im Bildungsraum Nordwestschweiz finden sich im Internet: https://www.bildungsraum-nw.ch

Trotz teilweiser bedenklicher Ergebnisse und Erfahrungen in anderen Ländern beteiligt sich auch der Kanton Solothurn an diesem Projekt. Mit den geplanten Leistungstests will man also die Kinder und Jugendlichen fördern, den Lehrpersonen Wissenslücken ihrer Schülerinnen und Schüler aufzeigen, der Schule die Qualitätsentwicklung erleichtern und den Kantonen die Evaluation der Bildungssysteme ermöglichen. Edle Ansprüche, aber es steckt mehr dahinter! Fragezeichen sind vor allem in Bezug auf die Leistungstests in der Primarschule zu setzen. Sinnvoll ist es, wenn Tests dazu beitragen, den Lernstand der Kinder zu beschreiben, um sie nachher gezielter fördern zu können. Letzteres findet aber in den Klassen bereits statt. Für die summative Leistungsbeurteilung der Schülerinnen und Schüler haben Checks – wie jede Einzelprüfung auch – jedoch wenig Aussagekraft, da das Resultat stark von der Tagesform der Teilnehmenden abhängt. Wichtige Bedingungen sind zu beachten, damit keine negativen Folgen resultieren: Die Ergebnisse müssen zwingend vertraulich bleiben und der Testzeitpunkt so früh angesetzt sein, dass eine anschliessende Förderung zeitlich noch möglich und sinnvoll ist. Auf jeden Fall ist es aber ein Schuss über das Ziel hinaus, wenn flächendeckende Prüfungen kreiert werden, bei welchen Rankings und Vergleiche untereinander praktisch nicht zu verhindern sind. Mittels parlamentarischem Beschluss ist eine Veröffentlichung der Daten (Öffentlichkeitsgesetz) möglich. Das ist heikel! Vor allem für die Gemeinden: Wenn Rankings erstellt werden, führt das zu einer Diskreditierung von einzelnen Gemeinden (analog der Studie der Credit-Suisse zur Attraktivität der Gemeinden). Gemeinden mit ungünstiger Sozialstruktur und schlechter Finanzlage etc. geraten in eine Abwärtsspirale: schlechte Schule, bildungssensible Leute ziehen weg oder gar nicht dort hin. Erfahrungen in anderen Ländern haben bereits gezeigt: Die mediale Aufmerksamkeit erreicht man mit reisserischen Schlagzeilen zu Ranglisten, deren Aussagen für die Schulqualität nicht relevant sind. Um die Gefahren von Rankings und oben genannten Szenarien zu bannen, gibt es wiederum verschiedene Möglichkeiten: individuelle Testdurchführungen, Auswahl von zwei Testangeboten, keine flächendeckenden Tests zum gleichen Zeitpunkt. Eine vorgängige Schaffung von rechtlichen Absicherungen im Datenschutz ist zwingend. Diese Thematik darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Weiter wichtig ist, dass die Checks auf den Lehrplan 21 und auf das Übertrittsverfahren in die Sek1 abgestimmt werden.

Die Tendenz, dass das Gewicht immer mehr auf „Kopflastiges“ gelegt wird, verschärft sich in unserem Kanton durch die Einführung dieser Leistungstests zusehends. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird es nicht zu verhindern sein, dass einem unsinnigen „learning to the test“ und einer Einengung der Bildung auf testbare „Inhalte“ Vorschub geleistet wird. Unsere Schule ist viel mehr, als man mit einem „Leistungscheck“ prüfen und erfassen kann. Mittels einer Interpellation wollte ich die Öffentlichkeit auf mögliche Folgen (auch finanzielle) von flächendeckenden Tests und die datenschutzrechtlichen Unsicherheiten sensibilisieren. Die Debatte im Kantonsrat zeigte auf, dass sich auch die anderen Parteien gegen die Veröffentlichung von Rankings aussprechen. Man ist aber mehrheitlich der Meinung, dass die vorgesehene Reglementierung dafür ausreicht. Auch die flächendeckende Einführung wurde vor allem aus „der Wirtschaft dienenden“ Überlegungen mehrheitlich begrüsst, obwohl die angesprochenen negativen Effekte bestätigt wurden. Die Antworten der Regierung sind für mich nicht zufriedenstellend. Qualitätsüberprüfung, Rechenschaftslegung der Unterrichtstätigkeit und förderorientierte Checks sind für die SP richtig, aber diese Tests verfehlen in der geplanten Ausführung die Ziele und sind dazu kostenintensiv. Der LCH (Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer) lässt im Moment die datenschutzrechtlichen Aspekte zur Verhinderung der Veröffentlichung von Rankings abklären. Dieser für September erwartete Bericht wird Grundlage für das weitere Vorgehen sein.

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