Sprachenwirrwarr an der Primarschule

Formidable, was in den letzten Wochen zum Thema „Fremdsprachen an der Primarschule“ medial über die Bühne ging. Unbelievable, wie die Ansichten über Sinn und Unsinn des frühen Sprachenlernens divergieren. Einerseits heisst es, in der Wirtschaft sei Englisch gefragt, andererseits will der Gewerbeverband und die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie Französisch als erste Fremdsprache.

Einige Hirnforscher vertreten die Meinung, dass Kinder problemlos mehrere Sprachen erlernen können, andere sprechen von Überforderung. Meinungsvielfalt pur! Die Lösungsansätze in den verschiedenen Kantonen sind deshalb sehr unterschiedlich. Das ist nicht gut so! Immerhin wird dadurch die Diskussion über die Qualität unseres Bildungssystems und über die Identität der Schweiz provoziert. Das ist gut so! Wo steht der Kanton Solothurn? Als Passepartout-Kanton ist das Thema ein Doppeltes:

  1. Welche Sprache zuerst? Laut dem Sprachengesetz Art.15 Absatz 3 trägt der Unterricht in den Landessprachen den kulturellen Aspekten eines mehrsprachigen Landes Rechnung. Als Grenzkanton ist es für mich daher selbstverständlich mit der Landessprache Französisch in die Sprachenwelt einzutauchen. Aus meiner Sicht geht es mehr als nur ums Sprachenlernen sondern um das Verstehen und Akzeptieren unserer verschiedenen Kulturen. Dies macht uns tolerant im Umgang mit unserer Verschiedenartigkeit und stärkt das Zusammenleben. Der praktische Nutzen? Von den bundesnahen Betrieben wie SBB, Post, Swisscom über Coop und Migros bis hin zu Exportfirmen wie ABB und Nestlè sagen alle, dass Französich die Berufschancen grundsätzlich erhöhe. Auch wenn Französisch nicht für jede Stelle gleich wichtig ist, besteht Einigkeit, dass Mehrsprachigkeit die Karrierechancen steigert. Nun, wer z.B. nach Grenchen reist, wir dort feststellen, dass Französisch durchaus auch im Kanton Solothurn ein Thema im Alltag ist. Jedenfalls sind sich bei uns auch die meisten politischen Parteien einig: Im Kanton Solothurn Französisch zuerst.
  2. Eine oder zwei Fremdsprachen an der Primarschule? Diese Frage ist schwieriger zu beantworten. Der LSO hat sich immer dafür eingesetzt, dass, wenn zwei Fremdsprachen unterrichtet werden, die Ressourcen für guten Unterricht entsprechend zur Verfügung stehen müssen: ausgebildete Lehrpersonen, individualisierende Lehrmittel, genügend Halbklassenunterricht oder Unterstützung bei der Speziellen Förderung. Im Zusammenhang mit zwei Sparpaketen, welche die Bildung massiv beschnitten hat, ist es nicht erstaunlich, dass die Zustimmung zu zwei Fremdsprachen auch in der Lehrerschaft höchst unterschiedlich ausfällt, denn noch sind zu viele Stolpersteine auszumachen. Umso erfreulicher ist dafür, mit welchem Engagement die Sprachen-Lehrpersonen versuchen, den Kindern die Sprachen näher zu bringen. Der LSO hat im Frühling den Kantonsratsentscheid begrüsst, dass Englisch kurz nach der Einführung nicht schon wieder gestoppt werden soll. Eine „Hüst und Hott – Politik“ in der Bildung schadet dem Ganzen, umso mehr viele Lehrpersonen eine aufwändige Weiterbildung auf sich genommen haben. Darum sollte man diese Lehrpersonen jetzt einmal in Ruhe arbeiten lassen, dafür umso aufmerksamer sein, wenn Optimierungsvorschläge und Anliegen eingebracht werden. Überforderung? Als Lehrer einer 6. Klasse stelle ich fest, dass Kinder in verschiedenen Fächern überfordert sein können, vom Zeichnen bis hin zum Sport. Die meisten Schülerinnen und Schüler sind aber nicht überfordert. Fremdsprachen können auch für viele Kinder eine Chance sein. Jedenfalls können sich meine Schülerinnen und Schüler auf meine Nachfrage hin die Abschaffung einer Fremdsprache nicht vorstellen. Die Diskussion um die Fremdsprachen hat jetzt auch die EDK in die Gänge gebracht. Dabei werden Ideen laut, welche ich als gute Ansätze zur Optimierung erachte: Noten in den Fremdsprachen abschaffen, unbürokratische Dispensationen in speziellen Fällen ermöglichen, Wahlmöglichkeiten bieten. Da gilt es anzusetzen!

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